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Victor Kleins letzte Hochrechnungen

Silvana 77

Matthias Ohler am 16.04.2014

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Silvana

Sie hätte ja gern noch erfahren, was aus ihm geworden war. Jetzt, nach über fünfunddreißig Jahren, fiel ihr wieder ein, - sie erinnerte sich genau -, wie sie aus dem hinteren Fenster des letzten Waggons ihres Zuges nach Florenz geschaut hatten. Er spielte die Gitarre, wie ihr schien, so, dass er hoffen konnte, daß es ihr gefiel und daß der Klang so nahe wie möglich am Original von Pink Floyd war - sie hatten gemeinsam If gesungen - und daß es ihr sogar noch besser erscheine vielleicht, weil doch so unerwechselbar zu sein hatte, daß er es spielte, wo sie doch jetzt gemeinsam hier saßen, aus dem Fenster den davoneilenden Gleisen und Schwellen nachschauend, im Rücken irgendwo die unterschiedlichen Ziele ihrer Reisen.

Der hatte sich in sie verliebt - oder schon ein bißchen verloren? War ihr vorgekommen. Und es gefiel ihr. Aber so viel jünger, wie er war, ein Schüler aus Deutschland mit seiner ganzen Klasse auf seiner ersten Reise nach Rom, wie er erzählt hatte, und sie unterwegs von Meran nach Florenz wie seit Jahren jeden Monat eine Woche zur Vorlesung, die sie hielt, musste es mit ihrem Ausstieg in Florenz vorbei sein. Wie konnte sie dafür sorgen, dass es auch für ihn so sein würde? - Sicher würde er sich noch dann, wenn er sich schon zu einem anderen Wesen hin gespielt oder gesungen haben würde, seinerseits insgeheim wünschen, von ihr nicht vergessen zu werden. Und, wenn sie ganz in sich hörte, klang aus ihr, ihn und seine Erinnerung betreffend, ein gleicher Wunsch.

Jetzt gab es - damals so unvorstellbar - ein so offenes Internet, darin man Spuren finden konnte von jedem, von dem man welche zu finden hoffte. - Wollte sie? Würde er es wollen? Vielleicht saß er ja gerade irgendwo, gerade jetzt, ein Notizbuch vor sich, hineinschreibend sich fragend, ob sie noch an ihn dachte, - vielleicht nur einmal.

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