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Victor Kleins letzte Hochrechnungen

Herbst

Matthias Ohler am 13.09.2014

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Aus Der Gasthof von Olaf Baum

 

Victor Klein konnte nichts machen gegen das Wachsein, das sich ihm gleich ins Gesichtsgefühl quetschte. Es gibt die Welt, und du kannst das, da du nun wach bist, nicht verleugnen, weil du dir das selber nicht glauben würdest, daß es sie nicht gibt. Sie ist ja schon ganz in deine Sinne und deine Gedanken eingedrungen. Also der Regen, zum Beispiel, der auf das Dachflächenfenster schlug, durfte als angenehmer Bote genommen werden. Wenn Victor aufstehen würde, und das würde er wohl müssen bald, und das Haus verließe, was wohl gleichfalls unvermeidbar sein würde, sähe er weniger Leute als sonst auf der Straße, und die, die er sähe, wären nicht so aufdringlich spärlich und bunt angezogen, sondern schlügen sich die Mäntel um, zögen die Revers enger, hätten genug mit sich und dem Regen zu tun, die lebensnotwendige Distanz wäre gewahrt. Er zog die Decke noch einmal über die Schultern und drehte sich hinein. Ein Bild fiel ihm ein, das sich bei ihm als Kind oft eingefunden hatte, nachdem er den Film Der dritte Mann mit Orson Welles zum ersten mal im Fernsehen gesehen hatte: Er verschwindet wie Harry Lime auf der Flucht in einer Litfaßsäule, in der riesigen Säule führt ein Gang schneckenförmig nach innen bis zum Mittelpunkt, wo es nicht weitergeht. Victor dreht sich um und schafft es, in Windeseile eine Mauer zu bauen - Material ist einfach da - und bis ganz nach oben zur Decke zu ziehen, bevor seine Verfolger, deren Schritte er schon hört, ihn erreichen können.

Völlig unbegreiflich, im Herbst arbeiten zu müssen, wo doch die meisten Lebewesen eindeutige Anzeichen zum Schlußmachen, jedenfalls zum Ausruhen geben. Zumindest den Herbstanfang, den 23. September, mußte man frei geben. Man stelle sich vor: Ich kann die Arbeit nicht aufnehmen am heutigen Tage, da kalendarisch Herbstanfang ist und die Witterung dem ebenfalls Rechnung trägt. 

 

 

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